Licht in die Kunstsammlung Bührle!
IG Transparenz für die Aufarbeitung und Vermittlung des Kunsthaus–Bührle–Komplexes
Im Herbst 2020 formierte sich die IG Transparenz, um Licht in die Causa Bührle zu bringen. Insbesondere die Auseinandersetzung um den Bericht Leimgruber sowie die Verlautbarungen der Kunsthaus-Direktion zur Einrichtung der Stiftungssammlung Bührle führten zu einer Reihe von Forderungen, die wir Ende Januar 2021 mit weit über zweitausend Unterschriften der Zürcher Stadtpräsidentin, Corine Mauch, überreichten.
Wie die Eröffnung der ersten Sammlungspräsentation zeigte, war unsere Kritik – vor allem am Dokumentationsraum – nur allzu berechtigt. In der Folge wurde unter heftigem medialem Druck und nach der Publikation des Buchs "Das kontaminierte Museum" von Erich Keller endlich auch der Leihvertrag zwischen der Stiftung Sammlung Bührle und der Zürcher Kunstgesellschaft veröffentlicht – und kurz darauf ein neuer Subventionsvertrag zwischen der Stadt Zürich und der Zürcher Kunstgesellschaft abgeschlossen. In diese Verträge ging unter anderem der Begriff des "NS-verfolgungsbedingten Entzugs" als Prämisse der Provenienzforschung ein; damit gehört der Begriff "Fluchtgut", hinter dem sich gegenwärtige Besitzer verschanzen konnten, endgültig der Vergangenheit an.
Mit der Eröffnung der Sammlung im Chipperfield-Neubau hatte sich der Wind offensichtlich gedreht – wie auch der bis heute geführte Pressespiegel der IG Transparenz (siehe unten) eindrücklich belegt:
- Unter der neuen Direktion von Ann Demeester wurde eine Neueinrichtung realisiert, die dem historischen Kontext Rechnung trug, jedoch die Rolle jüdischer Sammler vorerst zu wenig berücksichtigte. Dies führte zu berechtigter Kritik und soll in einer Folgeausstellung aufgegriffen werden.
- Gleichzeitig wurde mit Unterstützung von Stadt und Kanton Zürich ein "Runder Tisch" (mit Mitgliedern der IG Transparenz, jüdischen Organisationen und Provenienzforscher*innen) einberufen. Dieser verabschiedete ein Mandat zur Überprüfung der von der Bührle-Stiftung betriebenen Herkunftsforschung. Der daraus entstandene Bericht unter Raphael Gross bemängelte grosse methodische und historische Versäumnisse und erhöhte die Zahl problematischer Fälle massiv.
- Auf einer anderen Ebene forderte die Motion Pult im National- und Ständerat die Einsetzung einer Kommission für historisch belastetes Kulturerbe. Diese wurde nach politischen Interventionen erst kürzlich – mit zweijähriger Verspätung – ernannt. Sie kann allerdings nur Empfehlungen abgeben und nur in besonderen Fällen einseitig angerufen werden.
- Ebenfalls erst kürzlich hat der Zürcher Gemeinderat mit sehr grosser Mehrheit einen Kredit von drei Millionen Franken für eine vertiefte Provenienzforschung zur Sammlung Bührle bewilligt. Diese soll unter der Führung des Kunsthauses – das selbst zusätzlich zwei Millionen Franken beisteuern soll – in Zusammenarbeit mit der Universität Zürich durchgeführt und innerhalb von fünf Jahren abgeschlossen werden. Die Stiftung Sammlung Bührle hat sich an diesen Kosten nicht beteiligt. Zudem hat sie – hinter dem Rücken der Behörden – die Stiftungsurkunde dahingehend ändern lassen, dass der Standort der Sammlung nicht mehr auf Zürich beschränkt sein soll. Eine Beschwerde der Stadt ist hängig.
Vorläufiges Fazit
Während das vom Bundesamt für Kultur in Auftrag gegebene Buch "Raubgut – Kunstraub" von Thomas Buomberger (1998) vor allem in bürgerlichen Medien, insbesondere der NZZ, noch auf geharnischte Kritik stiess, weil die offizielle Schweiz keine Verwicklung in den Kunsthandel mit ehemals jüdischem Bilderbesitz sah, brachte drei Jahre später der Band "Fluchtgut – Raubgut" der Bergier-Kommission neue Erkenntnisse. Diese hatten jedoch – auch im Gefolge der Debatte um die "nachrichtenlosen Vermögen" – keine weitere Aufarbeitung zur Folge.
Erst die Publikation und die Debatte um das 2015 erschienene "Schwarzbuch Bührle" machten deutlich, dass "Raubkunst" in Schweizer Museen und Sammlungen dringend neue Anstrengungen erforderte. Mit der Buchpublikation und dem Video "entrechtet–beraubt–erinnert" haben wir 2021 aufgezeigt, wie wichtig es ist, auch den weiteren Kontext der Causa Bührle zu thematisieren und aufzuarbeiten: So stellt sich etwa die Frage, wie der Rüstungsunternehmer Emil G. Bührle von Zwangsarbeit in der von ihm mitgegründeten Ikaria GmbH in Velten bei Berlin profitierte.
Seit dem "Schwarzbuch Bührle" sind gut zehn Jahre vergangen. Das Bewusstsein für diese komplexe, oft auch heikle Problematik ist zweifellos gewachsen. Keine Schweizer Museums- oder Stiftungssammlung kann sich ohne Provenienzforschung ungetrübt an ihren Beständen erfreuen. An die Stelle einer Ablehnung jeglicher Kritik ist eine wache öffentliche Debatte getreten; es sind einschneidende Veränderungen sowie neue Institutionen entstanden. Dies alles hat zu einem vor Jahren kaum für möglich gehaltenen Bewusstsein für vergangenes Unrecht geführt.
Für die IG Transparenz, März 2026
Thomas Buomberger, Markus Knauss, Guido Magnaguagno, Heinz Nigg
Pressespiegel, Stand 4. Mai 2026
Der Zürcher Kunststreit – eine Dokumentation
Petition der IG Transparenz
Video der Übergabe der Petition
Buch und Video: entrechtet – beraubt – erinnert
Medienmitteilung zur Mandatierung von Raphael Gross 2.3.2023